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Hanfried Wendland: Mythen ohne wohin

Artmanns Mythen, auf den ersten Blick scheinen sie verschroben und skurril zu sein, wie der Autor selber. Bei nochmaligen Lesen verfestigt sich der Eindruck, dass sie sich nicht grundsätzlich von den Mythen anderer Kulturen unterscheiden, seien sie nun hellenischen oder jüdischen-christlichen oder aussereuropäischen Ursprungs. 

Was bei Artmann noch niedlich verspielt sein mag, wird bei Hanfried Wendland zur Groteske. Dargestellt sind Menschen, denen ein Körperteil fehlt, die unsichtbare Farnfrau, die aus dem ersten Schwein entkommenen fliegenden Menschen, die mit Lava gefüllte Riesenfrau, der Mann, der aus Angst die Leiter zum Polarstern nicht beschreitet. 

Die Figuren sind entindividualisert. Sie strahlen Einsamkeit aus. Erklärende Psychologie gibt es nicht. Versuchen Artmanns Geschichten noch zu erklären und zu konstruieren, Wendlands Figuren hingegen haben keine Zukunft. Es fehlt ihnen jegliche Heilsgewissheit. 

Artmann, Hans Carl: Fünf Geschichten von der Erschaffung der Welt. 38. Drucke der NeueKleiderDrucke Berlin, NeueKleiderDrucke, 2014. 55 S., 2 Bll. Mit 11 ganzs. (ohne die Farbholzschnitte auf dem Einband) und zwei zusätzlichen lose beiliegenden num und sign. Farbholzschnitten von Hanfried Wendland. Fol., HLeder, Vorder- und Hinterdeckel mit Farbholzschnitt illustriert, mont. Titelschild, in bedrucktem Schmuckschuber. 1200,00 €

Eines von fünf Exemplaren der Vorzugsausgabe (GA 24 Ex.) mit zwei zusätzlichen vom Künstler sign.Farbholzschnitten. Impressum von Hanfried Wendlang num. und sign. - Gedruckt auf der Andante Handpresse von Peter Rensch, Handbindung von Christian Klünder. - Die Texte H. C. Artmanns sind eine Auswahl aus "Die Sonne war ein grünes Ei".
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Tina Flau: Linien werden zu Wasser

Von Tina Flau (* 1962) gibt es bereits eine lange Reihe von Künstlerbüchern, die meist literarische Texte, oft auch Lyrik, zum Ausgangspunkt haben. Ihre Ritzarbeiten auf transparentem Untergrund zeugen von Präzision und Kunstfertigkeit. Wie in ihrer Druckgraphik und in ihren Zeichnungen formen auch hier feinste Linien das Bild. Dank des transparenten Untergrundes kann der Text im Raum stehen, der Blick auf das Dahinter ist offen. 

Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“ entstand, nachdem er 1779 auf seiner zweiten Reise in die Schweiz im Tal von Lauterbrunnen den Staubbach, einen aus 300 Metern Höhe mit nebliger Gischt senkrecht abschiessenden Wasserfall, besichtigt hatte. Der Anblick bekräftige seine pantheistische Weltsicht: Der Mensch ist Teil des natürlichen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Das Wasser fällt vom Himmel, findet seinen Lauf und verdunstet wieder nach oben. Der Wasserfall ist für den Menschen die Jugend, die Klippen die Gefährdungen des Lebens, der langsame Lauf das Älterwerden, das Zusammenspiel von Wind und Wasser die Mäander des Lebens. 

Nimmt man Goethes Gedicht als Vorlage, stellen Tina Flaus Ritzzeichnungen dazu die verschiedenen Zustände von Wasser und damit von Leben dar: vom herabstürzenden Wasserfall, den Strudeln und Mäandern eines Wasserlaufes bis hin zu feinsten Tröpfchen und Wolkenbildungen. Ob gepunktet oder ob schraffiert, immer sind es fein ziselierte Linien. Und die Spiegelungen im Material gleichen denen im Wasser.  

Goethe, Johann Wolfgang von und Tina Flau: Gesang der Geister über den Wassern. Potsdam, 2009. 8 Seiten mit handgeschriebenem Text (3 S.) und Ritzzeichnungen auf transparenter Acrylfolie. 31 x 15,5 cm, Leoporello in festem, handvernähten Acrylschuber. 650,00 €

Eines von 14 Exemplaren, auf der letzten Seite von der Künstlerin num. und sign.

Brossa und Tàpies: die katalanische Avantgarde

Joan Brossa (1919-1998) ist der repräsentative katalanische Autor der Avantgarde des 20 Jahrhunderts, und Antoni Tàpies (1923-2012) ist der bedeutendste Vertreter des spanischen Informel. Bereits 1947 lernten sie sich kennen und arbeiteten seit dieser Zeit immer wieder zusammen. Elf Künstlerbücher haben sie gemeinsam herausgebracht. Bereits 1963 hatten sie zusammen „El pa a la banca“ veröffentlicht. 

Für beide ist die Kunst ein Prozess des Experimentierens und Variierens. Die Wirklichkeit kann nicht mehr erzählt oder abgebildet werden. Tàpies greift auf die Materialkunst des Dadaismus zurück, doch seine Materialsprache ist voller Widerstände: Risse, Knicke, Löcher, Schnitte im Papier. Das farbreduzierte Material ist Ausdrucksträger, es gibt nur noch Fragmente und damit den Verfall von Sinn. 

Ähnlich, wenn auch ironischer und weniger dunkel, ist die Haltung von Brossa. „Novel-la“ heisst Roman, aber es ist eine Ansammlung nicht narrativer Elemente. Die meisten dieser Elemente sind „objets trouvés“ in der surrealistischen Tradition. Allesamt sind sie Zeugnisse des Staates, des franquistischen Staates, gegen den sich beide in bester katalanischer Tradition von Jugend an auflehnten. Das Inhaltsverzeichnis ist für Brossa eine „elegia“ (Klagelied), die Seitenzahlen sind „tentacular“ (Fühler, Greifarme), der Druckvermerk wird zum „petit carnaval“, und die Aufzählung von Alltagsgegenständen wird zum „soliloqui“, zum Selbstgespräch. Auch hier wieder der Versuch, dastl_files/galeriejoy/buchabbildungen/bROSSA2.jpg Nichtzusammengehörende zusammen zu bringen.
 

Brossa, Jean: Novel-la. 31 litografies originals Antoni Tàpies. Barcelona, Sala Gaspar, 1965. 103 S., 2 w. Bll. Mit 31 teils
doppelblattgr. Lithographien (einige mit Faltungen, Ausrissen, Aus- und Einschnitten) von Tapies sowie zahlreichen Reproduktionen.  39 x 29 cm, lose Bogen in OLeinenmappe mit Bindfaden-Schnürung. 3600,00 €

Galfetti 85-121. - Druck auf Guaro-Bütten mit Wasserzeichen des Verlegers. Eines von 140 num.  Exemplaren (GA 150 Ex.). Impressum von Autor und Künstler signiert. - Leinenmappe stockfleckig gepunktet, Papier teilweise schwach gebräunt.

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