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Buchkultur aus Leipzig

Weder die Nazis noch die DDR konnten die bibliophilen Traditionen Leipzig ganz zum Erlöschen bringen. Auch wenn von den DDR-Zensoren argwöhnisch beäugt, entwickelte sich gerade an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein ungewöhnliches Spektrum an Künstlern. Wer hier ausgebildet wurde, verstand sein Metier. Nachdem er 1933 aufgelöst worden war, wurde dann 1991 der Leipziger Bibliophile Abend wieder gegründet. Mit seinem unermüdlichen Spiritus rector Herbert Kästner wurde er schnell zu einem Leitstern für Buchkunst und Graphik. 

Der vorliegende Band ist mehr als eine Festschrift. Er enthält zehn signierte Originalgraphiken, vier signierte typographische Blätter von vier Buchgestaltern, fünf Beiträge zu Buchgeschichte und Bibliophilie und fünf literarische Texte, allesamt Erstdrucke. Hervorgehoben seien der Beitrag von Lothar Lang, Leipzigs Neue Bibliophilie oder der Beitrag von Ulf Diederichs, Leipziger Bohème um die Jahrhundertwende oder die Neugeburt der Bibliophilie aus dem Geist der Drucker und Verlegen u. v. m. Die literarischen Texte teilen nicht den Optimismus der bibliophilen Buchgestalter. Volker Braun, Da habt ihr das Jahrhundert, zeichnet ein Bild des Scheiterns und der Hoffnungslosigkeit. Vom Verlust der Sprache handelt das Gedicht von Thomas Böhme. Ausführlich dokumentiert werden die Aktivitäten der ersten zehn Jahre. Unentbehrliches Referenzverzeichnis ist die vorbildlich illustrierte Bibliographie der Editionen des Leipziger Bibliophilen Abends. tl_files/galeriejoy/buchabbildungen/LBAHerfurth.jpg

Kästner, Herbert (Hrsg.): Zehn Jahre Leipziger Bibliophilen-Abend e. V. Eine Festschrift mit Originalbeiträgen von zehn Autoren und Originalgraphiken von zehn Künstlern sowie mit typographischen Blättern von vier Buchgestaltern. Mit Bibliographie und Dokumentation. Leipzig, Leipziger Bibliophilen-Abend, 2001. 100 S. Mit 10 sign. Graphiken von Baldwin Zettl, Egbert Herfurth, Rolf Münzer, Albrecht von Bodecker, Karl-Georg Hirsch, Volker Pfüller, Frank Eissner, Christa Jahr, Rolf Kuhrt und Hans Ticha, sowie weiteren zahlreichen tls. farb. Abb. 4°, gelber Ppbd. im OPappschuber. 450,00 €

Eins von 300 num. Exemplaren. - Schuber mit kleinem Einriss.

oben: Baldwin Zettl, Der Bibliophile (Kupferstich); rechts: Egberth Herfurth, Zwei abendliche Bibliophile (Acrylstich) 

 

Blaubart-Variationen

Klassisch ist das von Charles Perault (1628-1703) überlieferte Märchen. Es ist die Zeit, in der die Frauen standesgemäss verheiratet wurden und zu gehorchen hatten. Weibliche Neugier und Gehorsam vertragen sich jedoch nicht, so dass Blaubarts Ehefrauen den Tod erleiden mussten. Nur der letzten gelingt, wie halt im Märchen üblich, die Rettung: ihre beiden Brüder treffen rechtzeitig zur Befreiung ein. Blaubart wird getötet und die Geschwister geniessen seinen Reichtum. Soweit das Märchen.
Weniger bekannt die Satire Friedrichs des Grossen, 1779 erschienen. Führ ihn blaubart der Teufel, der die armen Frauen, die weniger stark als die Männer sind, zum Bösen verführt. Die rettenden Ritter sind Gott der Sohn und der Heilige Geist, zusammen mit dem Logos die Dreieinigeit. Mit aufklärerischer Schärfe schmäht Friedrich die gelehrte katholische Tradition. Der glückliche Ausgang des Märchens wird bei ihm zum Sieg der römischen Kirche und des Papsttums.
Peter Rühmkorfs (1929-2008) Parodie hingegen will nicht belehren. Bei ihm tötet Blaubart die Frauen aus einer nicht abgelösten Mutterbindung heraus. Rühmkorf spielt das Spiel, was wäre wenn ... Die letzte Ehefrau, Anna von Calvados, ist nur begrenzt oder vielleicht auch systematisch neugierig. Bevor sie das verbotene dreizehnte Zimmer betritt, hat sie zunächst die anderen 120 Kammern und Säle durchwühlt. Als sie das verbotene Zimmer betreten will, in dem Blaubart verzweifelt und fast verhungert zum Töten bereit wartet, kommen die rettenden Brüder mit "hundert Gallonen vom feinsten Apfelwein".  Sie wollen ein Winzerfest feiern und ihre Schwester zur Äppelwoikönigin küren: "Blaubart komm heraus, sonst versaufen wir dein Haus." Mittlerweile ganz grau geworden, tritt Blaubart vor das Haus, und niermand erkennt ihn.
Klaus Süss, Jahrgang 1951, schafft kraftvolle, expressive Figuren in starken Farben. Alle seine Buchillustrationen enthalten charakteristische Details der Erzählung. Linol- und Holzschnitte sind seine bevorzugten Medien. Die Technik der verlorenen Form beherrscht Klaus Süss wie kein Zweiter. Der Druckstock wird geschnitten und in der ersten Farbe gedruckt. Dann wird der Druckstock weiter bearbeitet, zu druckende Fläche weggenommen und mit einer zweiten Farbe überdruckt. Je nach Anzahl der Farben wird dieser Vorgang mehrmals wiederholt. Am Ende besteht der Druckstock nur noch aus der Druckfläche für die letzte Farbe. Damit ist der Druck nicht wiederholbar, was höchste Anforderungen für die konzeptionelle Vorbereitung des Bildes bedeutet.
 

Blaubart. Das Märchen. Die Satire. Die Parodie.  Mit sieben Holzschnitten von Klaus Süss. 19. Leipziger Druck. Herausgegeben von Herbert Kästner. Leipzig, Leipziger Bibliophilen-Abend, 2009. 45 S.  Mit 6 signierten ganzseitigen Farbholzschnitten von Klaus Süss im Text, ferner 1 signierten lose beiliegenden Farbholzschnitt, 1 Farbholzschnitt auf dem Einband.  4° 39,5 x 30,5 cm), farb. illustr. Leinenband in Blockbuchbindung, mit Silberschnitt, in OLeinenschuber.  800,00 €

Enthält: Charles Perrault, Blaubart; Friedrich der Grosse, Das Buch Blauart. Eine Satire; Peter Rühmkorf, Blaubarts letzte Reise. - Die Farbholzschnitte in der Technik der verlorenen Form. - Eines von 10 röm. num. Exemplaren der Vorzugsausgabe (GA 180). Impressum von Klaus Süss und dem Gestalter Thomas Glöss sign. - Tadellos erhalten.

Der Bergmann von Falun

Aus dem Lesebuch der Schule kennen wir die Geschichte. Kurz vor seiner Hochzeit wird der junge Bergmann verschüttet. Jahrzehnte später findet man seine Leiche. Das Kupfervitriol hat sie konserviert. Seine Braut erkennt ihn wieder. Sie umarmt ihn und stirbt, und beide werden dann zusammen begraben. Die Begegnung der alt und krumm gewordenen Frau mit dem jugendlich gebliebenen Körper ihres Bräutigams erschüttert den Leser und hat bis heute über 30 literarische Bearbeitungen erfahren. 

Viel weniger zahlreich sind die Interpretationen der Bildenden Künstler. Vielleicht kann man der schauerlichen Phantasie eines E. T. A. Hoffmann oder der schnörkellosen Erzählkunst eines Hebel nichts mehr hinzufügen. Esteban Fekete (1924 – 2009) nahm das Wagnis auf sich. Seine mit Ölfarben gedruckten Farbholzschnitte sind unverwechselbar. Jedes Bild besteht aus vier bis sechs Platten. Fekete ist kein Künstler der grossen Gesten. Es sind die kleinen Begebenheiten, denen er Würde verleiht. Manchmal werden seine Arbeiten als expressionistisch bezeichnet. Dies wäre zumindest untypisch für seine Holzschnitte, die weniger durch die Fläche als durch die Tiefe wirken.

Schubert, Gotthilf Heinrich von, E. T. A. Hoffmann und Johann Peter Hebel: Der Bergmann von Falun : d. Bericht von Gotthilf Heinrich Schubert u.d. Erzählungen von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann u. Johann Peter Hebel. 18. Druck der Edition Tiessen. Neu-Isenburg : Tiessen, 1981. 17 S., 1 nn. Bl. Mit 9 (davon 5 lose beiliegenden und sign.) Farbholzschnitten von Esteban Fekete. 4°, Broschur mit Buntpapierbezug und Deckelschild. 250,00 €

Spindler 41,18. Tiessen 18. Paschke 408-412. - Eines von 150 num. Exemplaren der Vorzugsausgabe mit der Extrasuite der Holzschnitte (GA 500). Im Druckvermerk vom Künstler signiert. Handsatz aus der Original-Janson-Antiqua. Druck auf Büttenpapier Vélin d'Arches in den Werkstätten der Trajanus-Presse, Frankfurt am Main. - Tadellos erhalten.

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